EY-Analyse: Wettrennen um den COVID-19-Impfstoff

14.01.2021

Die Suche nach einem Impfstoff gegen COVID-19 hat die Pharmabranche innerhalb kürzester Zeit zu Höchstleistungen angetrieben: Aktuell (Stichtag 01. Dezember) haben die Unternehmen weltweit 237 Impfstoff-Kandidaten und 446 potenzielle Wirkstoffe in der klinischen Forschung. Damit kamen seit der Vorgängererhebung im vergangenen Juni 76 weitere Impfstoffe in der Entwicklung hinzu – eine Zunahme um 47 Prozent. Die Zahl der in Entwicklung befindlichen Wirkstoffe hat sich seitdem sogar um 84 Prozent erhöht. 

Zuletzt erregten insbesondere Durchbrüche bei Impfstoffen die internationale Aufmerksamkeit. Laut aktuellem Stand befinden sich insgesamt zwei Impfstoffkandidaten – jene von Biontech und Moderna – im Zulassungsprozess und acht in der finalen klinischen Phase, nach der eine Zulassung möglich wäre. Großbritannien hat dem Biontech-Impfstoff bereits eine Notfallzulassung erteilt. Daneben gibt es sechs weitere Impfstoffkandidaten, die eine limitierte Zulassung auf dem Markt haben – darunter das russische Mittel SputnikV. 

„Auch österreichische Firmen wie Themis forschen gemeinsam mit ihren Partnern an den Impfstoffen oder werden wie Polymun Scientific als Lieferanten für Impfstoffkomponenten gehandelt“, erklärt Erich Lehner, Managing Partner Markets und Life Science Leader bei EY Österreich.

Und auch bei den Wirkstoffen sind zahlreiche Unternehmen der Marktreife sehr nahe: 350 werden derzeit bereits an Menschen getestet – und haben sich somit bereits als hinreichend sicher und wirksam erwiesen und damit bereits wichtige Hürden vor der Zulassung hinter sich gelassen. Der entscheidende Punkt, nämlich der Nachweis der Wirksamkeit, steht allerdings noch aus.

Das sind Ergebnisse einer EY-Analyse der COVID-19-Lösungen in den Bereichen Impfstoffe, Wirkstoffe und Diagnostika, für die aktuelle Datenbanken zur weltweiten Impf- und Wirkstofferfassung ausgewertet wurden. 

An COVID-19-Impf- und Wirkstoffen wird mit einem noch nie dagewesen Druck geforscht, so Lehner: „Wir haben in den vergangenen Monaten ein Tempo bei der Entwicklung von Impf- und Wirkstoffen gesehen, wie wir es vor der Corona-Pandemie nicht gekannt haben. Die Unternehmen haben Mittel in großem Stil aus anderen Bereichen in die COVID-19-Forschung umgeschichtet und die Behörden haben die Zulassungsverfahren stark beschleunigt. In Folge dessen stehen wir etwa elf Monate nach Ausbruch von COVID-19 in Rekordzeit kurz vor der Zulassung eines oder mehrerer Impfstoffe – und auch unter den Therapeutika bringen sich einige aussichtsreiche Kandidaten in Position. So viel ist klar: Für das Unternehmen, das tatsächlich ein wirksames Mittel auf den Markt bringt, wird es ein Gamechanger werden. Aber es gibt genügend Platz für mehr als einen Hersteller – die enorme weltweite Nachfrage könnte ein einzelnes Unternehmen ohnehin kaum alleine bedienen.“
 

Positives Signal für die Wirtschaft

Die aussichtsreichen Tests seien zudem ein positives Signal für die gesamte Wirtschaft, so Lehner: „Wenn ein tragfähiger Impfstoff zur Verfügung steht, wird das hoffentlich auch zur Entspannung am heimischen Wirtschaftsmarkt führen.“ Bevor aber genügend Impfstoff für alle zur Verfügung stehe, gebe es noch ein paar Herausforderungen, mahnt Lehner: „Noch hat kein Mittel die endgültige Zulassung bekommen. Rückschläge sind also jederzeit möglich. Und selbst wenn ein Impfstoff freigegeben wird, gilt es noch erhebliche produktionstechnische und logistische Hürden zu überwinden – immerhin reden wir hier weltweit von Hunderten Millionen Dosen, die produziert und verteilt werden müssen. Es wird also selbst im günstigsten Fall noch bis weit in das Jahr 2021 dauern, bis sich wirklich jeder impfen lassen kann.“
 

Flut an COVID-19-Tests

Neben den Impf- und Wirkstoffen gibt es zudem eine wahre Flut an Tests, um den COVID-19-Erreger festzustellen. 859 Tests befinden sich bereits auf dem Markt, weitere knapp 100 werden derzeit entwickelt. „Test sind deutlich einfacher zu entwickeln als Impfstoffe und Therapeutika und müssen auch nicht die gleichen strengen Richtlinien erfüllen“, erklärt Lehner. „Daher hat sich schon früh ein großer Markt entwickelt, auf dem sich gerade am Anfang auch viele schwarze Schafe tummelten. Inzwischen haben die Abnehmer – vor allem Regierungen – aber hinreichende Erfahrung mit funktionierenden Tests gesammelt, so dass sich die Spreu vom Weizen trennt.“

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