Es ist noch nicht zu spät

Gabriel Baunach, geboren 1993, beschäftigt sich seit 2008 mit dem Klimawandel. Er studierte Maschinenbau an der RWTH Aachen und im Ausland, spezialisierte sich auf Energietechnik und nahm mit dem UN-Klimasekretariat an der Weltklimakonferenz COP25 in Madrid teil. Seit 2020 betreibt Gabriel Baunach die Klima-Aufklärungsplattform „Climaware", produziert Klima-Podcasts und hält Vorträge über den aktuellen Stand der Klimakrise und den Klima-Handabdruck. © Anna
Gabriel Baunach, geboren 1993, beschäftigt sich seit 2008 mit dem Klimawandel. Er studierte Maschinenbau an der RWTH Aachen und im Ausland, spezialisierte sich auf Energietechnik und nahm mit dem UN-Klimasekretariat an der Weltklimakonferenz COP25 in Madrid teil. Seit 2020 betreibt Gabriel Baunach die Klima-Aufklärungsplattform „Climaware", produziert Klima-Podcasts und hält Vorträge über den aktuellen Stand der Klimakrise und den Klima-Handabdruck. © Anna Masiukiewicz
In seinem Buch In „Hoch die Hände, Klimawende!" erklärt Gabriel Baunach, warum das weit verbreitete Konzept des CO2-Fußabdrucks zwar wichtig ist, seiner Ansicht nach aber nicht die Rettung des Klimas sein kann. Er plädiert vielmehr für das Konzept des Handabdrucks. Dieser Ansatz stellt das Mitwirken des Einzelnen in den Fokus. © Luca Feigs Edition Michael Fischer GmbH
In seinem Buch In „Hoch die Hände, Klimawende!" erklärt Gabriel Baunach, warum das weit verbreitete Konzept des CO2-Fußabdrucks zwar wichtig ist, seiner Ansicht nach aber nicht die Rettung des Klimas sein kann. Er plädiert vielmehr für das Konzept des Handabdrucks. Dieser Ansatz stellt das Mitwirken des Einzelnen in den Fokus. © Luca Feigs Edition Michael Fischer GmbH

25.01.2024

Was kann man als Einzelperson effektiv gegen die Klimakrise tun? MTC-connect hat Klimakommunikator Gabriel Baunach dazu befragt. In seinem Buch „Hoch die Hände, Klimawende“ regt er zum Umdenken an – weg vom negativen Fußabdruck, hin zum positiven Handabdruck. Sein Appell: Fokus auf Lösungen und große Hebel statt schlechtes Gewissen.

Wie ist Ihre Einschätzung: Können wir den Klimawandel überhaupt noch beeinflussen?

Ja, auf jeden Fall. Das entspricht auch der Hauptaussage des Weltklimarates. Im jüngsten Sachstandsbericht zur Klimakrise, der 2023 erschienen ist, wird festgehalten, dass es physikalisch noch möglich ist und es technisch Mittel und Wege gibt, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Wie kommen wir angesichts der täglichen Katastrophennachrichten aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus?

Es ist tatsächlich nicht mehr fünf vor zwölf, es ist Punkt zwölf. Und dennoch dürfen wir nicht resignieren und denken, „es ist eh alles zu spät“. Wir haben noch die Möglichkeit, eine lebenswerte und sogar bessere Welt für uns und unsere Kinder zu gestalten. Dazu gehört aber ehrliche Selbstreflektion. Doch anstatt durch Verzicht und Verbote unseren CO2-Fußabdruck zu reduzieren, sollten wir im Kollektiv aktiv werden und gemeinsam Einfluss auf Strukturen nehmen. Mit dieser Perspektive schwinden Ohnmachtsgefühle dahin, man kommt statt Selbstkasteiung und schlechtem Gewissen zu kollektiver Selbstwirksamkeit und das ist das beste Mittel gegen Frustration. Man vergrößert den eigenen Handabdruck.

Welche Hebel haben wir, um unseren klimapolitischen Handabdruck zu vergrößern?

Es geht darum, Multiplikator für klimafreundliches Verhalten zu werden. Ob im privaten Alltag, im Beruf, beim gesellschaftlichen Engagement oder mit der politischen Stimme – überall bieten sich Möglichkeiten, die eigenen Ressourcen, Talente, Rechte und Kontakte zum Klimaschutz im großen Stil einzusetzen. Zum Beispiel durch die kollektive Forderung nach veganen Alternativen in Firmenkantinen oder nach E-Fahrrädern für Dienstwege, die Installation von Solaranlagen auf Unternehmensdächern oder den Wechsel zu Ökostrom. Durch sinnvolle Initiativen können wir gemeinsam erheblich mehr CO2 einsparen können, als wir selbst verursachen.

Wie können wir als MedTech-Branche zum Klimaschutz beitragen?

 

Auf individueller Ebene rede ich nicht gern über Mülltrennung, aber auf höherer Ebene, wenn es eine ganze Branche betrifft, ergeben Mülltrennung, Recycling und Müllvermeidung sehr viel Sinn. In der Medizintechnik ist das durch die Notwendigkeit steriler Mittel ein schwierigeres Thema. Hier wäre ein großer Hebel, wenn man sich Verfahren überlegt, um von Einwegprodukten wegzukommen. Des Weiteren sollte man sich klimafreundliche Alternativen zu fossilen Energiequellen für Strom, Wärme und Kälte in medizinischen Einrichtungen überlegen. Wie sieht es mit Krankentransporten aus? Diese auf E-Mobilität umzustellen, wäre ebenfalls ein wichtiger Schritt. Grundsätzlich lässt sich wieder der Handabdruck vergrößern, indem sich die gesamte Medizinbranche – von der Technik bis zur Pflege – politisch noch mehr hinter den Klimaschutz stellt. Denn: Klimaschutz ist auch Gesundheitsschutz. Es gab in den letzten fünf Jahren mehr Hitzetote als Verkehrstote. Diese Entwicklung wird sich in Zukunft noch verschärfen. Für ein gesundes Leben brauchen wir effektive Lösungen. Bottom-up allein wird nicht funktionieren, es müssen die Rahmenbedingungen durch politischen Klimaschutz-Lobbyismus angepasst werden. Da werden die Leute hellhörig.

Zum Abschluss möchten wir Sie noch um ein positives Statement bitten.

Wenn jeder und jede von uns in 20 oder 30 Jahren zurückblickt und guten Gewissens sagen kann: „Ich habe mein Möglichstes getan und in dieser entscheidenden Phase der Klimakrise einen wesentlichen Beitrag geleistet“, dann entsteht eine große Zufriedenheit, egal wie der Zustand der Welt ist.